Abstracts
Keynote Speech
Konsum als politisches Problem – historisch und konzeptionellHeinz-Gerhard Haupt (Florenz) / Claudius Torp (Bielefeld)
Der Vortrag erläutert zunächst den im Bielefelder Sonderforschungsbereich („Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte“) konzeptionalisierten Politikbegriff. Dieser besagt, daß Politik nicht ein überzeitlich gültiger, an bestimmten Institutionen und Verfahren des Staates gebundener Bereich ist, sondern daß das Politische historisch variabel ist: Je nach kommunikativer Konjunktur können unterschiedliche Wirklichkeitsbereiche zu Teilen des politischen Raumes werden. Verschiedene Akteure verhandeln die Grenzen und die Binnenstruktur dieses Raumes, indem sie wechselnde Themen als überindividuell relevant thematisieren und nach einer verbindlichen und nachhaltigen Regelung streben. Konsum ist als politisches Problem in höchst unterschiedlichen historischen Konstellationen virulent geworden. (... weiter lesen)
Diesseits von Manipulation und Souveränität: über Konsum-Kompetenz als Politisierungsmerkmal
Ronald Hitzler / Michaela Pfadenhauer (beide Dortmund)
Grob vereinfacht lassen sich die in der Konsumsoziologie kursierenden Versionen vom Verbraucher auf den Polen ‚Manipulation’ und ‚Souveränität’ ansiedeln: auf der einen Seite nimmt der Konsument – keineswegs nur in der ‚Kritischen Theorie’ – die (traurige) Gestalt des ‚structural dope’ an, der den Manipulationsunternehmungen der so genannten ‚Kulturindustrie’ hilflos-willfährig ausgeliefert ist. Auf der anderen Seite tritt der Konsument als (stolzer) Souverän in Erscheinung, dessen Konsumwünsche und -interessen als Maßstab unternehmerischen Handelns dienen und er selber zum ‚Prosumer’ avanciert. (... weiter lesen)
Panel 1: Politisierte Konsument(inn)en?
Die Politik von Konsumenten: Das Kundenparlament im Erfurter „Thüringen-Park“Susanne Frank (Berlin)
In meinem Beitrag möchte ich den Blick auf eine neuartige Form der Verknüpfung der Handlungssphären „Politik“ und „Konsum“ richten, wie sie sich in der zunehmend zu beobachtenden Einrichtung von „Kundenparlamenten“ zeigt. Das Kundenparlament gilt als ein innovatives und effektives Instrument, das von Unternehmen zur Erforschung von Kundenwünschen, zur Erhöhung der Kundenzufriedenheit und zur Stärkung der Kundenbindung eingesetzt wird. (... weiter lesen)
Biolebensmittel und die "Politik mit dem Einkaufswagen"
Stephan Lorenz (Jena)
„Politik mit dem Einkaufswagen“ drückt u.a. die Erwartung aus, dass sich KonsumentInnen durch die Wahl von Biolebensmitteln für das politische Projekt „Agrarwende“ einsetzen. Entsprechen diese Erwartungen aber auch den Vorstellungen der BiokonsumentInnen?
Meine qualitative Studie „Natur und Politik der Biolebensmittelwahl“ hält hierzu empirische Ergebnisse und theoretische Anregungen bereit. (... weiter lesen)
Der schlanke Staat und der dicke Konsument: Zur Regierung der Fettleibigkeit
Christine Hentschel (Leipzig)
„Das Ausmaß unserer Taille wird nicht länger unsere Privatangelegenheit sein“, warnte kürzlich ein viel diskutierter Zeitungsartikel in der Baltimore Sun. Fettleibigkeit wird als das unerwünschte Ergebnis eines spezifischen Konsums zum Problem politischer Tragweite und veranlasst weltweit Medien wie Regierungen zur Forderung staatlicher Interventionen im Zeichen eines „Kriegs gegen das Fett“. (... weiter lesen)
Panel 2: Politische Ästhetik des Konsums
Werbung & Revolte – zur symbolischen Nutzung von Protestemblemata in kommerziellen Werbeanzeigen 1967 bis heuteRudi Maier (Tübingen)
„Join the Revolution!“, „Fight for your rights!“, „Viva la libertad!“, „Radikalisiert das Leben!“. Auf den ersten Blick Parolen und Slogans aus dem Wörterbuch der neuen sozialen Bewegungen. Doch nur auf den ersten Blick. Denn diese Slogans und Parolen stammen allesamt aus kommerziellen Werbeanzeigen, die in den letzten Jahren den Weg in die Medienöffentlichkeit fanden. (... weiter lesen)
Vom Protest zum Produkt
Martin Doll (Frankfurt)
Politischer Aktivismus ist das Unterlaufen, ist Subversion gängiger Marktmechanismen – so das weit verbreitete Verständnis dieser Praktiken, bzw. auch das Selbstverständnis entsprechender Gruppierungen: Die US-amerikanische 'Billboard-Liberation-Front (BLF)' artikulierte beispielsweise ihre Konsumkritik, indem sie seit den späten siebziger Jahren Werbeplakate überklebt; die kanadische 'Adbusters Media Foundation' produziert 'Anti-Commercials', in denen aktuelle Werbekampagnen satirisch zweckentfremdet werden. (... weiter lesen)
Politische Symbole in der modernen Medien- und Konsumgesellschaft – Andy Warhols Mao Wallpaper
Sabine Müller (Gießen)
Andy Warhol stilisierte sich selbst als business artist, als kommerzorientierten Leiter eines Ateliers, das er bezeichnenderweise factory nannte, eine Kunstfabrik, in der entsprechend der technischen Massenproduktionsweise der Konsumgesellschaft beliebig kopierbare Siebdrucke entstanden, Pop Art für jedermann. (... weiter lesen)
Panel 3: Konsumismus in der Politik
Vom Milieu zum Wählermarkt: Konsumorientierte Politische Meinungsforschung in der BundesrepublikAnja Kruke (Bochum)
Politische Umfrageforschung ist zu einem zentralen Beobachtungsinstrument der Politik aufgestiegen, das kontinuierlich über wahrscheinliches politisches Verhalten informiert und es selbst anleitet. Die Indienstnahme der Meinungsforschung durch Politik sowie durch Medien wirkt sich auf alle Dimensionen der Politik aus, indem sie durch ihre Etablierung im politischen System sowohl Kategoriensysteme und Deutungsschemata des Politischen neu bestimmte, politische Abläufe in ihrem Prozess und ihrer Geschwindigkeit als auch die politische Kommunikation zwischen Parteien und Wählern veränderte. (... weiter lesen)
Zur Rolle des Marketing-Aspektes in der politischen Kommunikationsforschung
Isabel Kusche (Bielefeld)
Was gegenwärtig als Parallele von Politik und Wirtschaft besonders zu interessieren scheint, betrifft den Umstand, dass für politische Programme oder Kandidaten in ähnlicher Weise Abnehmer gefunden werden müssen wie für Güter und Dienstleistungen und dass Marketing-Aktivitäten daher nicht nur im kommerziellen sondern auch im politischen Bereich von zentraler Bedeutung sein dürften. (... weiter lesen)
Appropriation und politischer Aktivismus in den USA
Lutz Hieber (Hannover)
In (mittel-)europäischen Demokratieformen leben noch Denk- und Verhaltensweisen fort, die Nachwirkungen langfristiger Prägungen durch die absolutistische Geschichte sind (Elias); teilweise wurden diese Prägungen durch Diktaturen und Vertreibung kritischer Intellektueller im 20. Jh. noch verstärkt. Vor diesem Hintergrund lässt sich verstehen, dass Demokratie in der Bundesrepublik wesentlich als parlamentarische Demokratie aufgefasst wird, dass sich also die Aufmerksamkeit auf Rituale institutionalisierter Demokratie und auf diejenigen konzentriert, die sich an den Hebeln der Macht befinden. So adressieren politische Bewegungen in der Bundesrepublik ihre Proteste vorwiegend an den Staat (Rucht). Ein Blick auf die USA lässt eine andere Demokratieauffassung erkennen. (... weiter lesen)
Panel 4: Consumer-Citizen und die Transformation der Öffentlichkeit
Hamburger in der Kritik – Anti-Corporate Campaigns als LebensstilpolitikProf. Dr. Sigrid Baringhorst, Dr. Dietmar Schiller (beide Uni Siegen)
Vor dem Hintergrund radikalisierter Individualisierungsprozesse und den damit verbundenen Änderungen sozialer Beziehungen in der Arbeitswelt, in der Familie und der Beziehung der Bürger zu Parteien, Gewerkschaften und anderen Großinstitutionen wird die gewachsene Unterstützung für unternehmenskritische Kampagnen als Ausdruck einer gesellschaftlich bedingten Transformation von Staatsbürgerschaft und politischem Handeln im Sinne der Entstehung von „citizen consumers“ (Scammel 2000) und „lifestyle politics“ (Bennett 2004) interpretiert. (... weiter lesen)
Kommodifizierung der Stadtpolitik
Anna Richter (Bremen)
In meinem Beitrag soll es um die Ausweitung privatwirtschaftlich organisierter Räume gehen, die ich als Kommodifizierung der Stadt(politik) bezeichnen möchte. Privates Hausrecht und das genau kalkulierte Design der (Anordnung von) Waren, die erst Bedürfnisse produzieren müssen, bevor sie befriedigt werden können, machen BürgerInnen zu KonsumentInnen und transformieren dabei nicht nur den physischen Raum, sondern vor allem den psychischen, den der Wahrnehmung, des Be- und Empfindens. (... weiter lesen)
Konsum als Politik. Zur Implementierung von Fair-Trade-Produkten und Diskursen an der Wirtschaftsuniversität Wien
Andreas Weber (Wien)
Unter Politik wird gemeinhin die Sphäre der Gesellschaft verstanden, in der sich die Prozesse der Machtbildung abspielen und die Durchsetzung von individuellen und kollektiven Interessen vollzogen wird. Dies gilt es auch für die moderne Gesellschaft mit ihren funktional differenzierten und spezialisierten Teilsystemen festzustellen – und zwar trotz der Tatsache, dass das Verständnis von Politik in der modernen Gesellschaft im Zuge der Verkomplizierung ihrer pragmatischen Ebene eine massive Verunsicherung erfahren hat. (... weiter lesen)
Online-Konferenz: Autor(inn)en für das Themenheft "Unterschätzte Verbrauchermacht" (Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Heft 4/2005):
Globalising consumers: the history of consumers as a socio-political movement
Matthew Hilton (Birmingham)
This paper will overview the developments in modern consumer associations, from their rise in the United States and Europe from the 1950s through to developments at the international development and the growth of consumerism as a social movement throughout the world. (... weiter lesen)
Das Netz der Konsument(inn)en
Christoph Bieber / Jörn Lamla (beide Gießen)
Für politische und soziale Bewegungen spielt das Internet als Kommunikationsmittel und Mobilisierungsinstrument eine zunehmend wichtigere Rolle. Wurden auf das Internet lange Zeit politische und basisdemokratische Hoffnungen projiziert, so zeigt sich zunehmend deutlicher, dass die dezentrale Infrastruktur des Internet vor allem mit dem Gedanken der (virtuellen) Vernetzung der Konsument(inn)en korrespondiert. (... weiter lesen)