Vom Milieu zum Wählermarkt: Konsumorientierte Politische Meinungsforschung in der Bundesrepublik

Anja Kruke (Bochum)

Politische Umfrageforschung ist zu einem zentralen Beobachtungsinstrument der Politik aufgestiegen, das kontinuierlich über wahrscheinliches politisches Verhalten informiert und es selbst anleitet. Die Indienstnahme der Meinungsforschung durch Politik sowie durch Medien wirkt sich auf alle Dimensionen der Politik aus, indem sie durch ihre Etablierung im politischen System sowohl Kategoriensysteme und Deutungsschemata des Politischen neu bestimmte, politische Abläufe in ihrem Prozess und ihrer Geschwindigkeit als auch die politische Kommunikation zwischen Parteien und Wählern veränderte. Diese „Beobachtung zweiter Ordnung“ (N. Luhmann) fußt wissenschaftsgeschichtlich auf der Entwicklung der empirischen Sozialforschung ebenso wie auf der Medien- und Konsumforschung, die sich in den USA und im Europa der Zwischenkriegszeit entwickelten. Die sich aus der paradoxen Zusammenfassung ergebende Zwitterstellung als Dienstleistung und Wissenschaft begründet den zweifelhaften Ruf der Meinungsforschung, auch immer parteipolitisch geleitet zu sein und daher leicht instrumentalisierbar oder käuflich zu sein.

In meinem Beitrag möchte ich diesen Vorwürfen an die Meinungsforschung empirisch in zwei Aspekten nachgehen und dadurch der aktuellen Sicht auf das Verhältnis zwischen Politik und Konsum historische Tiefenschärfe verleihen.

Zum einen wird der Frage nachgegangen, welche spezifischen Bedingungen für die Entwicklung der politischen Meinungsforschung gegeben waren und in welcher Form sich Verknüpfungen von Konsum- und Meinungsforschung ergaben. Es gilt, die internen wie externen Zusammenhänge politischer Meinungsforschung zu untersuchen und entsprechend nach den Mustern der Zusammenarbeit von Instituten und Parteien und Regierungsinstitutionen einerseits und deren medialer Präsentation und Diskussion andererseits zu fragen. Anhand des Beispiels der Meinungsforschung in der Bundesrepublik möchte ich zeigen, wie diese Beobachtungstechnik die Bedingungen ihrer Einführung in der Politik und die „Denkstile“ (Ludwik Fleck) der politischen Akteure auf Konsumforschung bzw. auf Muster der mit dem Konsumbegriff verbundenen „Vermarktlichung“ von Politik rekurrieren.

Zum anderen wird die spezifische Diskursformation des Politischen in der Bundesrepublik untersucht. So soll die seit dem Beginn ihrer Existenz geführte Diskussion über Meinungsforschung zum Anlass genommen werden, die spezifischen Bedingungen des Politischen in der Bundesrepublik in Abgrenzung zum politischen Diskurs in den USA zu klären, um so die Rolle und Funktion von Meinungsforschung für die westdeutsche Demokratie herauszuarbeiten. Das jeweilige ’Setting’, wie Politik zu funktionieren und auszusehen habe, entscheidet demnach über die Auffassung von ’richtiger’ demokratischer Politik in Abgrenzung zum Begriff des Konsums.

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