Konsum als Politik. Zur Implementierung von Fair-Trade-Produkten und Diskursen an der Wirtschaftsuniversität Wien
Andreas Weber (Wien)
Unter Politik wird gemeinhin die Sphäre der Gesellschaft verstanden, in der sich die Prozesse der Machtbildung abspielen und die Durchsetzung von individuellen und kollektiven Interessen vollzogen wird. Dies gilt es auch für die moderne Gesellschaft mit ihren funktional differenzierten und spezialisierten Teilsystemen festzustellen – und zwar trotz der Tatsache, dass das Verständnis von Politik in der modernen Gesellschaft im Zuge der Verkomplizierung ihrer pragmatischen Ebene eine massive Verunsicherung erfahren hat. Genau genommen ist es dieser gesellschaftsstrukturell bedingten Verkomplizierung der pragmatischen Dimension geschuldet, dass politisches Handeln in der Moderne reflexiv geworden ist und ein fortschreitend differenziertes Verständnis politischer Praxis und seiner individuellen und gesellschaftlichen Gestaltungsmöglichkeiten entstanden ist.
Vor diesem, hier kursorisch angerissenen Hintergrund, wird es in diesem Beitrag darum gehen, die politischen Implikationen von Konsum anhand der Verbreitung von Fair-Trade-Produkten zu untersuchen. Dies wird am Beispiel der Wirtschaftsuniversität Wien geschehen, wo – wie in vergleichbaren anderen sozialen Systemen auch – die Rationalität der Marktgesellschaft mit der neoliberalen Wende in der Gesellschafts- und Bildungspolitik vorschreitend an Dominanz gewonnen hat. (...) Unabhängig von der Dominanz der Rationalität des Wirtschaftssystems innerhalb der Wirtschaftsuniversität gibt es eine ganze Reihe von Personen und Gruppen, die die Reflexion der normativen und politischen Implikationen wirtschaftlicher Globalisierung offensiv betreiben und im Rahmen ihrer Möglichkeiten Aktivitäten entwickeln, der A-Moral der Marktgesellschaft auf verschiedenen Ebenen entgegenzuwirken.
Wir wollen dies anhand der Implementierung von Fair-Trade-Produkten und Diskursen rekonstruieren, in der sich verschiedene Ebenen politischen Agierens, nämlich die kognitive, soziale, ökonomische und symbolische Ebene zum Ausdruck bringen. Neben der kognitiven Dimension, die sich an der WU in Form der Implementierung der Fair-Trade-Problematik in Forschung, Lehre und studentischen Arbeitsgruppen; der sozialen Dimension, die sich anhand eines Netzwerkes zwischen verschiedenen Akteuren sowie der ökonomischen Dimension, die sich konkret an dem Aufstellung von mehreren Getränkeautomaten, an denen Kaffee, Tee usw. aus dem „Fair Trade“ - Sortiment erhältlich ist, manifestiert, soll der symbolischen Dimension nachgegangen werden. Sie ist in unserem Kontext von besonderem Interesse. Denn im Unterschied zur kognitiven, sozialen und ökonomischen Dimension, die politisch in dem Sinn ist, als es um die konkrete Gestaltung von Machtverhältnissen im sozialen System der Universität geht, ist die symbolische Dimension komplizierter zu bestimmen. Sie bringt sich in dem Bewusstsein um die Grenzen politischer Gestaltungsmöglichkeiten zum Ausdruck. Paradoxerweise ist es gerade auch dieses Wissen, das es den Akteuren erlaubt, eine Art strategisch organisierter Symbolpolitik zu betreiben. Dies soll anhand einer vor wenigen Wochen durchgeführten Veranstaltung gezeigt werden, zu der Vertreter aus verschiedenen gesellschaftlichen Systemkontexten eingeladen wurden, um über die Fair-Trade-Problematik in der Aula der Wirtschaftsuniversität öffentlich zu diskutieren.
In einem letzten Reflexionsschritt wird schließlich die gesellschaftspolitische Relevanz von Konsumpraxen, die bezüglich der moralischen Problemlagen der globalisierten Marktgesellschaft reflexiv agieren, diskutiert. Die These lautet, dass allein auf der Ebene des Konsums das Problem der strukturellen Amoral der modernen Gesellschaft und Wirtschaft nicht wirksam zu bewältigen ist. Hierzu sind vielmehr Organisationen im politischen System notwendig, die auf nationaler wie internationaler Ebene mit der Entscheidungsmacht ausgestattet werden, durch diverse Maßnahmen (z.B. Entschuldung der Entwicklungsländer, Umverteilung von Vermögen, Förderung regionaler Märkte, Disziplinierung des Finanzmarktes, Globalisierung sozialer Minderstandards usw.) den Machtzuwachs des Wirtschaftssystems und seiner Eliten zu disziplinieren und die in der modernen Weltgesellschaft aufgrund des technologischen und organisatorischen Entwicklungsniveau der Produktivkräfte real existente Möglichkeit würdevoller Lebensgestaltung Wirklichkeit werden zu lassen.
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