Das Netz der Konsument(inn)en

Christoph Bieber / Jörn Lamla (beide Gießen)

Für politische und soziale Bewegungen spielt das Internet als Kommunikationsmittel und Mobilisierungsinstrument eine zunehmend wichtigere Rolle. Wurden auf das Internet lange Zeit politische und basisdemokratische Hoffnungen projiziert, so zeigt sich zunehmend deutlicher, dass die dezentrale Infrastruktur des Internet vor allem mit dem Gedanken der (virtuellen) Vernetzung der Konsument(inn)en korrespondiert. Angesichts dieser Homologie verwundert es nicht, dass sich im Internet erstens zahlreiche Ansätze finden, die an einer Vernetzung der Konsument(inn)en bereits experimentieren, und in diesem Medium zweitens zugleich Diskurse und Reflexionsprozesse zur Frage der Konsument(inn)en-Vernetzung stattfinden.

Ausgehend von dieser Beobachtung möchten wir auf dem Wege einer vergleichenden Analyse wichtiger Fälle netzspezifischer Mobilisierungs- und Deutungsmuster eine Art Landkarte erstellen, d.h. wesentliche Dimensionen des Untersuchungsfeldes aufzeigen, die den Stand der Entwicklungen „politischer Konsument(inn)envernetzung“ übersichtlich festhalten. Dabei werden nicht einfach Beschreibungen dieser Internetphänomene vorgelegt, sondern Ergebnisse soziologischer Analysen konsumpolitischer Deutungsmuster präsentiert und auf die Aktions- und Mobilisierungsansätze sowie Opportunitätsstrukturen der jeweiligen Akteure bezogen.

Die folgenden Beispiele geben einen Vorgeschmack:

1. Verschiedene Bewegungsorganisationen (z.B. Greenpeace oder FoodWatch) versuchen das Internet als ein Aktionsinstrument zu nutzen, mit dem die Konsument(inn)en als verlängerter Arm der Organisation in der Konsumsphäre gleichsam „eingesetzt“ werden können. Die Konsument(inn)en fungieren als „Gendetektive“ oder „Marktaktivisten“, deren Aufgabe es ist, die Supermarktregale zu durchstöbern und Auffälligkeiten an die Zentrale zu melden, die dann sogleich das gesamte Netzwerk alarmiert und als Machtressource nutzt, um die Händler (seltener die Produzenten) unter Druck zu setzen. Die Konsument(inn)en werden hier ganz klassisch angesprochen (z.T. sogar mit „Sonderangeboten“ geködert) und in ihrer passiven, rezeptiven und isolierten Rolle weitgehend belassen, was dem „Framing“ einer Politisierung der Klientel („wir Konsumenten“, „Macht unseres Geldbeutels“ usw.) in verschiedenen Hinsichten zuwiderläuft.

2. Davon unterscheidet sich deutlich das Konsumnetz von ATTAC, das von der Bewegungsorganisation derzeit noch in einem „Bewährungszustand“ gehalten wird (z.B. kein offizieller AG-Status). In diesem Forum (und hier gibt es tatsächlich ein offenes Diskussionsforum) dominiert noch die Suche nach dem politischen Selbstverständnis der (virtuellen) Konsument(inn)engemeinschaft. Die Mobilisierungs­aktionen sind viel breiter angelegt, sie sollen sich kreativ von unten entwickeln und der Adressat wird von vornherein als citizen angesprochen. Die Schwierigkeiten der politischen Konsument(inn)envernetzung liegen hier offener zu Tage, wodurch der Diskurs in einem Schwebezustand gehalten wird, die Effektivität der sozialen Netz- und Strukturbildung aber ebenso.

3. In einer dritten Aktionssphäre im Internet bleibt die Adressierung (consumer vs. citizen) zunächst einmal unterbestimmt, weil in ihr primär die technische Infrastruktur der Vernetzung selbst auf der Agenda steht. Bedeutend ist hier die Bewegung für freie Netze, die vielfache Überschneidungen mit der Open-Source-Bewegung aufweist. Ist es nicht kurios, dass Teile dieser von (bürgerschaftlich-freiheitlichen) Kommunikationsidealen getragenen Bewegung unter der Webadresse „consume.net“ zu finden sind?

Freilich gibt es zahlreiche weitere Phänomene der Vernetzung von Konsument(inn)en, die wir in dieser ersten explorativen Analyse nicht behandeln können. Die Initiativen von Interessengruppen, Verbänden und Lobbygruppen (wie der vzbv) lassen ähnliche konsumorientierte Mobilisierungsmuster erkennen, obgleich sie weniger darauf angewiesen sind, die Bürger direkt in ihre Strategien zur politischen Einflussgewinnung (die eher auf geschlossenen Experten-Arrangements basieren) einzubeziehen. Auch die Internet-Aktivitäten des Bundesverbraucherministeriums sind auf der Landkarte der Online-Verbraucherpolitik zu berücksichtigen.

Die Untersuchung der Konsument(inn)envernetzung im Internet unter der Fragestellung, ob hier ein neues politisches Bewegungsmodell entsteht, ist Gegenstand eines seit April 2004 laufenden Lehrforschungsprojektes, dessen Ergebnisse von den beteiligten Student(inn)en auf dieser Internetseite präsentiert werden.

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