Der schlanke Staat und der dicke Konsument: Zur Regierung der Fettleibigkeit
Christine Hentschel (Leipzig)
„Das Ausmaß unserer Taille wird nicht länger unsere Privatangelegenheit sein“, warnte kürzlich ein viel diskutierter Zeitungsartikel in der Baltimore Sun. Fettleibigkeit wird als das unerwünschte Ergebnis eines spezifischen Konsums zum Problem politischer Tragweite und veranlasst weltweit Medien wie Regierungen zur Forderung staatlicher Interventionen im Zeichen eines „Kriegs gegen das Fett“. Begründet wird diese „Notwendigkeit“ politischer Intervention in das Privatverhalten der Bürger erstens damit, dass die Zahl der Fettleibigen mit epidemischer Schnelligkeit in die Höhe steigt, dass zweitens die heutige junge Generation erstmals kürzer leben wird als die ihrer Eltern und dass dies drittens alles enorme Kosten für die Gesundheitssysteme verursacht. Zahlreiche Studien belegen hingegen, dass kein kausaler Zusammenhang, sondern höchstens eine Korrelation, zwischen Fettleibigkeit und früher Sterblichkeit besteht. Worum geht es also in der Statuierung von Fettleibigkeit als politisches Problem? Um pures Einmischen in Privatverhalten im Sinne einer Politics of private Behaviour (Kersh/Morone 2002)? Um Massenhysterie zum Nutzen der Diätindustrie (Campus 2004)? Oder einfach um eine anorexische Kultur (Stearns 1997)? Die Regulierung von Fettleibigkeit kann vor dem Hintergrund einer Fitness-Gesellschaft (Bauman 1995, 2003) erklärt werden, deren Mitglieder („Postmoderne Konsumenten“) aufgerufen sind, Verwalter ihrer eigenen Körper zu sein, die sich gegen ständige Belagerungszustände (z.B. Fette) zur Wehr setzen müssen. Die Abwehr von Fett- und Zuckerattacken funktioniert in diesem Modell nicht über Disziplinierung oder Askese, sondern über den Aufruf zum weiteren Konsum von „gesunden“, fett- oder kohlenhydratarmen „Gegengiften“. In zwei (visualiserten) Anwendungen des Baumanschen Modells konstruiere ich eine Matrix des Scheiterns im Engagement des Staates und der (Fast-Food-, Diät-, und Versicherungs-)Industrie bei der „Unterstützung“ des um die Vermeidung von Dickleibigkeit besorgten Körpermanagers. Als Analysematerial dienen in erster Linie neuere politische Strategiepapiere und privatwirtschaftliche Initiativen im Rahmen amerikanischer und britischer aber auch deutscher Fettbekämpfungspolitik, sowie Medienberichte. Die Entprivatisierung von Dickleibigkeit entpuppt sich dabei als eine Individualisierung des Problems.
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