Appropriation und politischer Aktivismus in den USA
Lutz Hieber (Hannover)
In (mittel-)europäischen Demokratieformen leben noch Denk- und Verhaltensweisen fort, die Nachwirkungen langfristiger Prägungen durch die absolutistische Geschichte sind (Elias); teilweise wurden diese Prägungen durch Diktaturen und Vertreibung kritischer Intellektueller im 20. Jh. noch verstärkt. Vor diesem Hintergrund lässt sich verstehen, dass Demokratie in der Bundesrepublik wesentlich als parlamentarische Demokratie aufgefasst wird, dass sich also die Aufmerksamkeit auf Rituale institutionalisierter Demokratie und auf diejenigen konzentriert, die sich an den Hebeln der Macht befinden. So adressieren politische Bewegungen in der Bundesrepublik ihre Proteste vorwiegend an den Staat (Rucht). Ein Blick auf die USA lässt eine andere Demokratieauffassung erkennen. Während bei uns die staatlichen Institutionen und ihre Repräsentanten im Vordergrund stehen, ist in dieser älteren Demokratie das Bürgerrechtsbewusstsein deutlicher ausgeprägt.
In den USA hat man sich längst daran gewöhnt, dass eine lebendige Kultur von civil rights movements ein eigenständiger Bestandteil des demokratischen Prozesses ist und ein kreatives Ferment darstellt (Margit Mayer). Seit den 1960er Jahren ergreifen diese Aktivitäten dort auch weitere Lebensbereiche, bleiben also nicht – wie bei uns – auf die „politische Sphäre“ im engeren Sinne bezogen, sondern reichen weit darüber hinaus. Darin liegt ein Grund dafür, dass dem eurozentristisch verengten Blick Ruchts ganze Bewegungsfamilien der US-amerikanischen counter culture, ihre Themen und Erfolge, entgehen.
Den unterschiedlichen Bedingungen entsprechend wird ein politischer Konsumismus, also die Ausweitung der im Konsumgüterbereich eingeübten Haltungen und Handlungsformen auf das politische Verhalten, in den USA ganz anders ausfallen als in Europa. Für die USA sind gewisse Formen der Sozialisation durch Konsum sowohl für Parlamentarismus und Wahlen, wie auch – allerdings unter entgegengesetzten Vorzeichen wie im institutionellen Feld – für außerparlamentarische Bewegungen zu konstatieren. Um den hier zu Lande vorfindlichen politischen Konsumismus nicht in eurozentristischer Verengung zu verabsolutieren, ihn also als wesentliches Merkmal der Veränderungsdynamik von Demokratie überhaupt aufzufassen, möchte ich die Innovationen von ACT UP, einer der erfolgreichsten Bewegungen der USA der 1990er Jahre, als exemplarischen Fall vorstellen.
Der Erfolg dieser Bewegung war wesentlich dadurch begründet, dass von Anfang an Wert auf eine Corporate Identity gelegt wurde. Eine „No Logo!“-Haltung, wie sie etwa von Naomi Klein propagiert wird, wurde nicht ins Auge gefasst, weil sie keine angemessene Wirkung versprach. Für ACT UP wurde ein eigenes Logo geschaffen, es spielte eine zentrale Rolle. Marketingstrategien bestimmten die politischen Aktionen. Es gab Plakatkampagnen, die wie Werbekampagnen aufgebaut waren. ACT UP verstand sich auch meisterhaft auf Methoden, den „redaktionellen Teil“ von Medien – ganz ähnlich wie es bei Hollywoodfilmen oder Automarken üblich ist – als Werbeplattform für ihre Zwecke zu nutzen. Daneben wurden professionell Werbespots gedreht, die Fernsehstationen kostenlos zur Verfügung gestellt wurden. ACT UP gründete eine Firma, die T-Shirts, Buttons und viele andere Dinge verkaufte (ihr Umsatz hat nach Angaben von Vincent Gagliostro 1992 eine Million Dollars betragen), um Mittel für Plakatdruck, Fahrten zu Demonstrationen etc zu erwirtschaften. Außerdem wurde auch die Aneignung von bestehendem Corporate Design, wie es bereits in der „Appropriation Art“ der 1980er Jahre (Barbara Kruger, Hans Haacke, Jenny Holzer) erprobt war, auf einer neuen Stufe weitergeführt.
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