Vom Protest zum Produkt

Martin Doll (Frankfurt)

We saw this trend approaching a million consumer-miles away. It was inevitable: the protest Generation comes of age as the Generation of Super-Consumers.
Faith Popcorn

Politischer Aktivismus ist das Unterlaufen, ist Subversion gängiger Marktmechanismen – so das weit verbreitete Verständnis dieser Praktiken, bzw. auch das Selbstverständnis entsprechender Gruppierungen: Die US-amerikanische 'Billboard-Liberation-Front (BLF)' artikulierte beispielsweise ihre Konsumkritik, indem sie seit den späten siebziger Jahren Werbeplakate überklebt; die kanadische 'Adbusters Media Foundation' produziert 'Anti-Commercials', in denen aktuelle Werbekampagnen satirisch zweckentfremdet werden. In meinem Vortrag möchte ich die eingangs formulierte Annahme etwas unterhöhlen und der Frage nachgehen, ob bestimmte Formen der Rebellion oder des Rebellentums mittlerweile nicht zu Bildern geronnen sind und sich dadurch nicht mehr zwangsläufig außerhalb der Logik wirtschaftlicher Interessen befinden. Dies soll durch einen kursorischen Vergleich von aktivistischen Aktionsformen mit profitorientierter Werbung geleistet werden:

Denn nicht nur auf der inhaltlichen Ebene, sondern auch bezüglich der Werbeformen kann gezeigt werden, wie Firmen ihre Marken oder Produkte mit dem Image des Nonkonformistischen oder Radikalen aufladen: Der Konsum eines bestimmten Artikels wird scheinbar zum politischen Statement:

"Hi Neon, Hip Neon, CHill Neon"
Chrysler benutzte 1994 in einer Kampagne zur Markeinführung des 'Plymouth Neon' u. a. die gleichen Aktionsformen wie die BLF

"VIVA ZWEI ist mehr als nur Musik VIVA ZWEI ist eine Lebenseinstellung!"
Der Relaunch von VIVA ZWEI wurde 1998 durch eine vorgetäuschte radikale Protestgruppe namens "G2" in der Öffentlichkeit bekannt gemacht.

Anhand markanter Thesen von Thomas Frank, der in seinem Buch The Conquest of cool unter den Begriffen 'Consumer Revolution' und 'Hip Consumerism' herausarbeitet, wie Marketingstrategien seit den 60er Jahren Ideen und Konzepte der 'Undergroundculture' aufgegriffen und zu einem Massenphänomen der 'Counterculture' gemacht haben, und der dabei den hohen gesellschaftlichen Stellenwert hervorhebt, den Nonkonformismus und Konsumkritik inzwischen gewonnen haben, soll folgenden Fragen nachgegangen werden: Wie ist es möglich, daß die Werbeindustrie die gleichen Formen benutzen kann wie ihre politischen Gegner? Welche Ideale spiegeln sich in diesen Werbekampagnen bzw. welche müssen vorausgesetzt werden?

Als Theater- bzw. Medienwissenschaftler möchte ich die genannten Werbestrategien, deren Wirkungsweise ich nicht apodiktisch als faktisches Beeinflussungsergebnis verstanden wissen möchte, als Elemente im allgemeinen Diskurs des Rebellischen untersuchen, die, insofern man ihnen zumindest ein Abzielen auf Akzeptanz unterstellt, - wenn auch nie vollkommen und einwandfrei - Auskunft über diesen Diskurs und gesellschaftlich gültige Leitgedanken geben können. Sind korporative Formen, in denen jene eine Rolle spielen, zu kongruent mit denen des politischen Aktivismus', werden letztere nicht nur in ihrer Wirksamkeit fragwürdig.

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