Die Politik von Konsumenten: Das Kundenparlament im Erfurter „Thüringen-Park“

Susanne Frank (Berlin)

In meinem Beitrag möchte ich den Blick auf eine neuartige Form der Verknüpfung der Handlungssphären „Politik“ und „Konsum“ richten, wie sie sich in der zunehmend zu beobachtenden Einrichtung von „Kundenparlamenten“ zeigt. Das Kundenparlament gilt als ein innovatives und effektives Instrument, das von Unternehmen zur Erforschung von Kundenwünschen, zur Erhöhung der Kundenzufriedenheit und zur Stärkung der Kundenbindung eingesetzt wird. Dabei handelt es sich um eine (meist regelmäßig stattfindende) Gesprächsrunde zwischen leitenden Unternehmensmitarbeitern und einer Gruppe von Kunden, in der letztere sich zu Stärken und Schwächen des Unternehmens oder seiner Produkte, aber etwa auch zu geplanten Neuerungen äußern. Bewusst gewählt ist der Begriff Kundenparlament, der Vorstellungen von Interessenvertretung, Mitbestimmung und demokratischer Entscheidungsfindung hervorrufen soll. Eine Betrachtung der „Arbeitsweisen“ von Kundenparlamenten lässt interessante Rückschlüsse auf das Politikverständnis von Unternehmern und Managern, und hier vor allem auf das Verschwimmen der Grenzen zwischen „Bürgern“ und „Kunden“ bzw. „Konsumenten“ zu.

Die Feststellung, dass Unternehmer Handlungs- und Kommunikationsmuster aus der Sphäre der Politik entlehnen und für ihre Zwecke umdeuten und nutzbar machen, ist für sich bereits hoch interessant. Im Mittelpunkt des Beitrags soll aber ein empirischer Sonderfall von Kundenparlament stehen. In Erfurt engagieren sich Bürgerinnen und Bürger seit 1999 im Kundenparlament des “Thüringen-Parks”, ein Einkaufszentrum von überregionaler Bedeutung. Im äußersten Norden der Landeshauptstadt gelegen, grenzt der „Thüringen-Park“ an ein großes Plattenbaugebiet, das seit 1989 einen radikalen und umfassenden Transformationsprozess erlebt hat, in dessen Verlauf beinahe sämtliche Infrastruktur- und Dienstleistungseinrichtungen weggebrochen sind. In dieser Situation ist ausgerechnet das private Shopping Center für viele Bewohner zum wichtigsten sozialen Ort, zu Stadtteilzentrum und Stadtteilöffentlichkeit geworden. Gezeigt werden soll, dass dementsprechend die TP-Parlamentarier - allesamt Bewohner des Stadtteils - das Kundenparlament vor allem auch als Ort und Instrument der Artikulation und Durchsetzung der Wünsche und Interessen der Stadtteilbewohner verstehen und nutzen. So wurde etwa - durchaus gegen den Widerstand der Center-Managements - ein regelmäßiger Tanztee nach Geschäftsschluss durchgesetzt.

Der Erfurter Fall ist deshalb besonders interessant, weil es den Kundenparlamentariern hier immer wieder gelingt, das unternehmerische Verständnis des Kundenparlaments zu unterlaufen und es für ihre Zwecke zu nutzen. Indem sie das im Begriff des Kundenparlaments enthaltene Angebot der Interessenartikulation und –aushandlung ernst nehmen, sich dabei aber weniger als Kunden- denn als Bürgervertreter definieren, nutzen sie den Raum des Konsums zu einem Ort der (Quartiers-)Politik und des bürgerschaftlichen Engagements um. Auch im Thüringen-Park verschwimmen also die Grenzen von Politik und Konsum, Kunden und Bürgern – aber eben auf ganz andere Weise, als sich das Center-Management dies ursprünglich vorgestellt hatte.

zurück