Biolebensmittel und die ‚Politik mit dem Einkaufswagen‘

Stephan Lorenz (Jena)

„Politik mit dem Einkaufswagen“ drückt u.a. die Erwartung aus, dass sich KonsumentInnen durch die Wahl von Biolebensmitteln für das politische Projekt „Agrarwende“ einsetzen. Entsprechen diese Erwartungen aber auch den Vorstellungen der BiokonsumentInnen?

Meine qualitative Studie „Natur und Politik der Biolebensmittelwahl“ hält hierzu empirische Ergebnisse und theoretische Anregungen bereit. Auf der Basis von Interviews wurden vier Fallstrukturen rekonstruiert, die das Feld des Biokonsums idealtypisch umfassen, nämlich Fitness, Zurück zur Natur, Reflexivität und Stellvertretung. Diese weisen freilich sehr unterschiedliche politische Orientierungen auf. Während in der ‚Fitness‘-Fallstruktur die Bezugnahme auf Politik durch Ignoranz bis Ablehnung gekennzeichnet ist, weil ‚Reden‘ und staatliche Eingriffe ohnehin nicht weiterhelfen, zeigt sich ‚Zurück zur Natur‘ umfassend umweltpolitisch informiert, sieht weitreichende Möglichkeiten und Notwendigkeiten, hält die (staatliche) Politik aber für blockiert durch Macht- und Geldinteressen. Jenseits dieser Gegensätze findet sich einmal die ‚Reflexive Biolebensmittelwahl‘. Diese Fallstruktur geht über eine einfache ‚Politik mit dem Einkaufswagen‘ hinaus, weil nicht nur Geldmittel, sondern auch kommunikative Einflussmöglichkeiten genutzt werden. Der ‚Stellvertreter-Biokonsum‘ ist dagegen zwiespältig. Während er mit ‚Weltverbesserungs‘-Motivationen Anschluss an ideologiefeste Positionen – ähnlich ‚Zurück zur Natur‘ - findet, setzen sich im Alltag eher vertraute Konsumgewohnheiten durch.

Der Vortrag zeigt die politischen Orientierungen im Kontext der Fallstrukturen und insbesondere im Zusammenhang mit den Entscheidungsmustern unter Unsicherheit und Kontingenz. In umfassenderer Perspektive bricht diese idealtypische Rekonstruktion des Biokonsums die häufige Gegenüberstellung zweier Konsumtypen auf: der passiven KonsumentInnen in den Fängen kapitalistischer Warenproduktion versus den aktiven, aufgeklärten KonsumentInnen. Dies ist auch theoretisch weiterführend, weil gezeigt werden kann, dass unterschiedliche Theorieangebote (so Bauman, Giddens, Eder, Elias) die Handlungs- und Konsumorientierungen lediglich partiell erfassen. Erklärungsangebote der Theorien können herangezogen, zugleich aber von den empirischen Rekonstruktionen her selber geprüft werden.

Die Analyse zeigt, dass die Konsumorientierungen der BiokonsumentInnen, den erhofften ‚natürlichen‘ Verbündeten einer ‚Agrarwende‘, weit auseinander treten. ‚Politik mit dem Einkaufswagen‘ kommt hier durchaus vor, allerdings als eine Option neben anderen.

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