Politische Symbole in der modernen Medien- und Konsumgesellschaft – Andy Warhols Mao Wallpaper


Sabine Müller (Gießen)

Andy Warhol stilisierte sich selbst als business artist, als kommerzorientierten Leiter eines Ateliers, das er bezeichnenderweise factory nannte, eine Kunstfabrik, in der entsprechend der technischen Massenproduktionsweise der Konsumgesellschaft beliebig kopierbare Siebdrucke entstanden, Pop Art für jedermann. Der mit Preisen ausgezeichnete Werbegrafiker Warhol orientierte sich auch als Maler stilistisch an der Bildsprache der Werbung, reduzierte in seinen Porträtserien seine Modelle auf ihre signifikanten Erkennungsmerkmale in Gestalt eines codifizierten Images mit hohem Wiedererkennungswert, gestaltete sie als ein Markenprodukt der Medien und präsentierte sie in serieller Reihung ein und derselben Vorlage identisch mit den Campbell’s Tomatensuppendosen oder den Colaflaschen. Seine multiplizierte Pop Art-Version der Mona Lisa nannte er „Thirty are better than one“ und kommentierte damit ironisch den Stellenwert von Kunstwerken in einer kulturell identitätslosen Gesellschaft als bloße Kapitalanlage und Statussymbol: wie im Supermarkt verkaufte er seine seriellen Bilder nach dem Prinzip „im Dutzend billiger“.

Hinter dem auf die Bedürfnisse der Konsumgesellschaft zugeschnittenen Image verbarg sich der Kritiker Warhol, der in der Funktion des Spiegels in seinem Werk das Zwangsverhalten dieser Gesellschaft reflektierte, die auf der oberflächlichen Jagd nach Massenware jenes Prinzip auch auf Menschen übertrugen, die in der Öffentlichkeit standen, und sie – wie auch Kulturschätze – nur noch als mediengerechte, ikonisierte Symbole in der Art von Markenprodukten wahrnahm, austauschbar und entindividualisiert. Warhols Fallstudie der Oberflächenhaftung einer Gesellschaft im Medienzeitalter, die ihre kulturelle Identität eingebüßt hatte, lässt sich auch in seiner Darstellung politischer Symbole erkennen. 1972 fertigte er ein serielles Porträt des chinesischen Parteiführers Mao, zu einer Zeit, als Nixons Staatsbesuch in China eine „Chinawelle“ in den USA ausgelöst und Life Mao als den berühmtesten Menschen der Welt bezeichnet hatte. Warhol entnahm die Bildvorlage der Mao-Bibel, bediente sich einer ideologisch und propagandistisch geformten Ikone, die er in seinem Stil adaptierte und als Mao Wallpaper installierte, eine Endlosreihung, die den dargestellten Mythos bedeutungslos werden ließ und in letzter Konsequenz ad absurdum führte. Damit zeigte Warhol die Perspektive der westlichen Welt, die Mao als bloßes Symbol für eine bestimmte Politik betrachtete, als ein Synonym für den Kommunismus, ebenso wie Hammer und Sichel, die er 1976 in einer Bildserie darstellte. Politik wurde in der schnelllebigen Zeit der Massenmedien auf Schlagworte reduziert und nahm damit den Charakter von Markenware an, bei der es vor allem auf den Wiedererkennungswert der Verpackung ankam. Entsprechend gut verkauften sich auch die Mao-Porträts, in den USA ebenso wie in Europa, ein Beweis für die Schlagkraft der Verpackung, die sämtliche politischen Bedenken von Warhols Schweizer Galeristen zerstreute, das Porträt eines kommunistischen Führers nicht verkaufen zu können. Das Symbol war in seiner Verfremdung und Entpersonalisierung salonfähig geworden.

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