Konsum als politisches Problem – historisch und konzeptionell

Heinz-Gerhard Haupt (Florenz) / Claudius Torp (Bielefeld)

Der Vortrag erläutert zunächst den im Bielefelder Sonderforschungsbereich („Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte“) konzeptionalisierten Politikbegriff. Dieser besagt, daß Politik nicht ein überzeitlich gültiger, an bestimmten Institutionen und Verfahren des Staates gebundener Bereich ist, sondern daß das Politische historisch variabel ist: Je nach kommunikativer Konjunktur können unterschiedliche Wirklichkeitsbereiche zu Teilen des politischen Raumes werden. Verschiedene Akteure verhandeln die Grenzen und die Binnenstruktur dieses Raumes, indem sie wechselnde Themen als überindividuell relevant thematisieren und nach einer verbindlichen und nachhaltigen Regelung streben.

Konsum ist als politisches Problem in höchst unterschiedlichen historischen Konstellationen virulent geworden. Mit der krisenhaften Herausbildung der deutschen Konsumgesellschaft in der Weimarer Republik ist eine Situation gegeben, in der sich die widerstreitenden Bemühungen um die richtige politische Gestaltung der gesellschaftlichen Regeln des Konsums besonders anschaulich verfolgen lassen. Politiker, Verbandslobbyisten, Nationalökonomen, Konsumgenossenschaftler und die Verbraucher selbst – sie alle versuchten, ihrer Vorstellung von den Rechten und Pflichten der Staatsbürger als Konsumenten zur Geltung zu verhelfen. Im Zentrum der Auseinandersetzungen stand dabei erstens die diskursive Unterscheidung von legitimen und illegitimen Formen des Konsums, die sich in den Debatten um Luxus und Verschwendung herauskristallisiert. Zweitens war die Rolle des Verbrauchers umstritten: Sollte er durch eigene Repräsentanten als aktiver Teilnehmer am politischen Entscheidungsprozeß teilnehmen – wie dies in der Einrichtung von Konsumentenkammern zum Ausdruck kam – oder war er auf die private Rolle der individuellen Bedürfnisbefriedigung beschränkt? Drittens standen Umfang und Art und Weise, in denen sich der Staat als Garant materieller Versorgungsleistungen betätigte, zur Debatte, was an den Maßnahmen der gleichermaßen populären wie prekären Preiskontrollpolitik demonstriert wird.

Die hier skizzierten Antworten auf die Herausforderung der Konsumgesellschaft bewegen sich demnach in Spannungsfeldern, die über den Weimarer Kontext hinausweisen: Es geht um den Konflikt von Wohlstanderwartung und Krisenerfahrung, um das Verhältnis von Staat und Gesellschaft sowie um den schwierigen Weg zwischen laissez-faire Kapitalismus und Versorgungsinterventionismus.

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